
Market Weekly - Der Anleihemarkt steht unter starkem Druck
Langfristige Zinsen: Das Vertrauen wankt
Die Renditen langfristiger Anleihen haben in den USA ihren höchsten Stand seit 2007 erreicht, und ein ähnliches Bild zeigt sich in Frankreich sowie im weiteren europäischen Raum. Diese Entwicklung ist kein blosser Ausrutscher: Sie spiegelt eine tiefgreifendere Infragestellung der Attraktivität von Staatsanleihen wider. In diesem Sommer hat die Volatilität am Anleihemarkt stark zugenommen, und ein Zitat eines Beraters eines ehemaligen US-Präsidenten gewinnt wieder an Aktualität. James Carville, ehemaliger Berater im Weissen Haus während der Clinton-Ära, meinte: «… wenn es eine Reinkarnation gäbe, … würde ich auf den Anleihemarkt zurückkehren wollen. Man kann dort jeden einschüchtern.»
Ein neuer Konkurrent
Über die konjunkturellen Inflationsängste hinaus belasten zwei strukturelle Trends den Anleihemarkt. Zum einen steigt die Zinslast der Staaten automatisch an – eine direkte Folge hoher Zinsen in Verbindung mit Budgetdefiziten, die sich nicht verringern. Ein Anstieg der Leitzinsen würde diese Dynamik nur noch beschleunigen – ein Teufelskreis, der die Anleger zunehmend beunruhigt.
Andererseits muss die Staatsverschuldung nun mit einem neuen Konkurrenten auf dem Kreditmarkt rechnen: den Technologie-Hyperscalern, die massive Kredite aufnehmen, um ihre Investitionen in künstliche Intelligenz zu finanzieren. In den letzten zwölf Monaten erreichte ihr Anleiheemissionsvolumen fast 10 % des Volumens der US-Staatsanleihen. Alphabet hat beispielsweise Anleihen im Wert von rund 4 Milliarden Dollar in australischen Dollar begeben. Dieser Wettbewerb um Kapital lenkt einen Teil der Nachfrage von Staatsanleihen ab und verstärkt den Aufwärtsdruck auf die Renditen.

Staatsverschuldung, Privatverschuldung: Der Wettlauf um Kapital verschärft sich.
Warum der Anleihemarkt volatil ist
Zusammenfassend lassen sich vier Hauptfaktoren für die aktuelle Volatilität am Anleihemarkt nennen: die Befürchtung einer anhaltenden Inflation, angeheizt durch den Anstieg der Ölpreise und die Spannungen rund um die Strasse von Hormus; Zweifel am haushaltspolitischen Kurs vor dem Hintergrund eines ereignisreichen Wahlkalenders auf beiden Seiten des Atlantiks (Zwischenwahlen in den USA, Präsidentschaftswahlen in Frankreich); die zunehmende Konkurrenz durch Anleiheemissionen im Bereich der künstlichen Intelligenz; und schliesslich eine sich wandelnde Anlegerbasis, wobei der Anteil ausländischer Zentralbanken zurückgeht und zugunsten privater Akteure zunimmt, die empfindlicher auf Kursschwankungen reagieren und somit eine Quelle erhöhter Volatilität darstellen.
Von Clara Raffner