
Market Weekly - Der Yen, weltweit wichtigste Finanzierungswährung
Die sehr niedrigen Zinsen in Japan und der Carry Trade auf den Yen
Seit fast zwanzig Jahren hält die japanische Zentralbank – Bank of Japan oder BOJ für Insider – die Zinssätze nahe Null. Diese Politik, die darauf abzielt, eine seit langem von Deflation geprägte Wirtschaft zu stützen, hatte einen unerwarteten Effekt: Sie machte den Yen zu einer wichtigem Finanzierungswährung der Welt. Kredite in Yen kosteten fast nichts, was Banken, Anlagefonds und Unternehmen dazu veranlasste, sich massiv in Japan zu finanzieren, um anderswo zu investieren, wo die Renditen höher waren. Dies wird als Carry Trade bezeichnet.
Der Mechanismus ist einfach: Man nimmt einen günstigen Kredit in Yen auf, wandelt ihn in Dollar oder Euro um und kauft dann Anleihen oder andere Vermögenswerte mit höherer Rendite. Solange die japanischen Zinsen niedrig bleiben und der Yen nicht aufwertet, ist das Geschäft rentabel: Man nimmt einen Kredit zu 0 % auf, investiert zu 3 % oder 4 % und streicht die Differenz ein.
Eine Risiko-Strategie
Diese Strategie ist jedoch nicht ohne Risiko. Wenn die japanischen Zinsen steigen oder der Yen stärker wird, kann sich das gesamte Konstrukt umkehren: Die Rückzahlung der Kredite wird teurer, die Positionen werden plötzlich unrentabel, und die Anleger sind gezwungen, in Eile zu verkaufen, um Yen zurückzukaufen und ihre Kredite zurückzuzahlen – was den Anstieg des Yen weiter beschleunigt. Dieser Mechanismus kann zu heftigen, oft gleichzeitigen Bewegungen bei Währungen, Aktien und Anleihen führen. Genau das ist im August 2024 passiert.

Der Mechanismus ist einfach: Man nimmt einen günstigen Kredit in Yen auf, wandelt ihn in Dollar oder Euro um und kauft dann Anleihen oder andere Vermögenswerte mit höherer Rendite.
Als die Bank of Japan eine Kursänderung andeutete, stieg der Yen plötzlich stark an. Innerhalb weniger Stunden mussten Anleger, die Carry Trades getätigt hatten, ihre Positionen massiv reduzieren. Das Ergebnis war ein historischer Einbruch der japanischen Indizes um mehr als 12 %, der stärkste seit 1987.
Auf dem Weg zu einem normaleren Zinsumfeld
Ein ähnliches Szenario wiederholte sich am 1. Dezember 2025. Ein einfaches Gerücht über eine Zinserhöhung durch die BOJ reichte aus, um die japanische 10-Jahres-Rendite auf den höchsten Stand seit 2008 steigen zu lassen. Die Verwaltungsalgorithmen lösten automatische Verkäufe aus und zwangen die Anleger erneut, ihre Yen-Positionen zu schließen. Die großen Börsen eröffneten im Minus. Abgesehen von punktuellen Turbulenzen markieren diese Episoden vor allem einen Übergang zu einem normaleren Zinsumfeld.
Von Timon Leiggener