
Market Weekly - Die Herausforderung der Strominfrastruktur
Mehr Strom, zu wenig Netz
Die weltweite Stromnachfrage steigt deutlich, doch die Infrastruktur hält vielerorts nicht Schritt. Erneuerbare Energien, Elektroautos, Wärmepumpen und zunehmend auch Rechenzentren erhöhen den Bedarf an Netzkapazität. Gleichzeitig dauern Planung, Bewilligung und Bau neuer Stromleitungen häufig deutlich länger als der Bau neuer Kraftwerke oder Rechenzentren. Das Stromnetz entwickelt sich dadurch zunehmend zum Flaschenhals der Elektrifizierung.
Eine echte Herausforderung
Das Problem wird inzwischen auch in den Zahlen sichtbar. Weltweit warten mehr als 2’500 Gigawatt an erneuerbaren Energien, Speichern und grossen Stromverbrauchern auf einen Netzanschluss. Gleichzeitig liegen die jährlichen Investitionen in Stromnetze deutlich: Laut IEA lagen sie 2025 bei rund 450 Mrd. US-Dollar, und dürften 2026 auf etwa 541 Mrd. US-Dollar steigen. Um die erwartete Nachfrage bis 2030 bewältigen zu können, müssten die Investitionen laut Internationaler Energieagentur nochmals um rund 50% steigen.
Dabei geht es nicht nur darum, mehr Leitungen zu bauen. Viele bestehende Stromnetze wurden für eine Welt mit wenigen grossen Kraftwerken konzipiert Heute muss Strom zunehmend aus zahlreichen dezentralen Wind- und Solaranlagen aufgenommen und über grössere Distanzen transportiert werden. Fehlt die notwendige Übertragungskapazität, müssen erneuerbare Anlagen teilweise gedrosselt werden, obwohl Strom verfügbar wäre.

Die Energiewende stösst damit zunehmend auf ein weniger sichtbares, aber entscheidendes Infrastrukturproblem.
Ein großer Druck
Hinzu kommen steigende Kosten und lange Lieferzeiten. Transformatoren, Schaltanlagen und Kabel haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verteuert, während grosse Netzprojekte oft mehr als ein Jahrzehnt von der Planung bis zur Fertigstellung benötigen. Die Energiewende stösst damit zunehmend auf ein weniger sichtbares, aber entscheidendes Infrastrukturproblem.
Zusätzlichen Druck erzeugt der Boom bei Rechenzentren. Neue AI-Infrastruktur benötigt enorme Mengen an Strom, häufig konzentriert an einzelnen Standorten. In den USA zeigt sich bereits eine wachsende Lücke zwischen geplanten Rechenzentren, verfügbaren Netzanschlüssen und tatsächlich realisierbarer Kapazität. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr nur, ob genügend Strom produziert werden kann, sondern ob er rechtzeitig dort ankommt, wo er gebraucht wird.
Die Schweiz betroffen
Für Unternehmen wird verfügbare Netzkapazität damit zunehmend zu einem Standortfaktor. Regionen mit günstiger Energie, stabilen Netzen und schnellen Anschlüssen gewinnen an Attraktivität, während lange Wartezeiten Investitionen verzögern können. Auch für die Schweiz ist diese Entwicklung relevant: Elektrifizierung, Rechenzentren und der Ausbau erneuerbarer Energien erhöhen die Anforderungen an die Infrastruktur, während die Einbindung in den europäischen Strommarkt zentral bleibt. Die nächste Phase der Energiewende entscheidet sich damit zunehmend bei Leitungen, Transformatoren und Netzanschlüssen.
Von Michel Bortis