
Market Weekly - Die Rückkehr Lateinamerikas an die Märkte
Lateinamerika im Höhenflug: Rohstoffboom
Lateinamerika erlebt 2026 ein bemerkenswertes Comeback an den Finanzmärkten. Europäische Anleger haben bereits mehr Kapital in Aktienfonds mit Fokus auf die Region investiert als in jedem vollständigen Kalenderjahr seit 2010. Die Nettozuflüsse beliefen sich auf 3,6 Mrd. US-Dollar, nachdem in den vorherigen 15 Jahren insgesamt 15,1 Mrd. US-Dollar abgezogen worden waren.
Ein wichtiger Treiber ist der Rohstoffboom. Der Kupferpreis erreichte neue Höchststände, während der Ölpreis infolge des Konflikts im Nahen Osten zeitweise über 100 US-Dollar je Barrel stieg. Lateinamerika profitiert dabei von seiner starken Stellung bei Energie, Metallen und Agrarrohstoffen. Gleichzeitig gilt die Region zunehmend als Alternative zu Märkten, die stärker von geopolitischen Spannungen oder einzelnen Technologiesektoren abhängig sind.
Die Bedeutung ausländischen Kapitals
Besonders sichtbar ist diese Entwicklung in Brasilien. Der Bovespa legte zeitweise fast 30 % in US-Dollar zu und gehörte damit zu den weltweit stärksten Aktienmärkten. Petrobras gewann im Jahresverlauf mehr als 50 %, während auch Vale und Finanzwerte zur Rally beitrugen. Zugleich stärkte sich der brasilianische Real deutlich gegenüber dem US-Dollar.

Gleichzeitig gilt die Region zunehmend als Alternative zu Märkten, die stärker von geopolitischen Spannungen oder einzelnen Technologiesektoren abhängig
Ausländisches Kapital spielt dabei eine zentrale Rolle. Bis Ende April flossen rund 57 Mrd. Real von internationalen Investoren an die brasilianische Börse, bereits mehr als doppelt so viel wie im gesamten Vorjahr. Neben hohen Rohstoffpreisen locken vergleichsweise günstige Bewertungen. Auch die lange IPO-Flaute endete mit dem Börsengang des Energieunternehmens Compass erstmals seit September 2021.
Ganz Lateinamerika betroffen
Der Aufschwung betrifft jedoch nicht nur Brasilien. Anleger sehen auch politische Veränderungen in Ländern wie Chile, Peru und Kolumbien zunehmend positiv. Gleichzeitig bleibt Lateinamerika günstig bewertet: Der MSCI Emerging Markets Latin America wurde zuletzt mit rund 12,5-mal den historischen Gewinnen gehandelt, gegenüber 22,5 in Asien und mehr als 20 beim MSCI World.
Die Region profitiert damit von mehreren Faktoren gleichzeitig: hohen Rohstoffpreisen, zunehmender Energieproduktion, Kapitalzuflüssen und attraktiven Bewertungen. Der MSCI Emerging Markets Latin America gewann innerhalb von zwölf Monaten 33,4 % und lag damit deutlich vor dem MSCI World. Die Rally ist somit mehr als eine reine Ölgeschichte, Rohstoffe bleiben jedoch ihr wichtigster Katalysator.

Von Timon Leiggener