
Market Weekly - Von der Strasse von Hormus bis in die Handelsräume
Die Weltwirtschaft derzeit mit einem massiven geopolitischen und energetischen Schock konfrontiert
Die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte sehen sich derzeit mit einem massiven geopolitischen und energetischen Schock konfrontiert, dessen endgültiges Ausmass von der Lage rund um die Strasse von Hormus abhängt. Diese Meerenge ist nicht nur für die Seeschifffahrt, sondern auch für die Weltwirtschaft von entscheidender Bedeutung: Über diese Seeroute werden 20 % des weltweiten Erdöls und ein erheblicher Teil des Flüssigerdgases, aber auch andere Produkte wie Düngemittel transportiert. Die faktische Sperrung dieser Seestrasse hat die Preise für Erdöl, aber auch für Erdgas in die Höhe schnellen lassen und damit eine entscheidende Lebensader der Weltwirtschaft blockiert.
Die Inflation ist zurück
Derzeit ist der Ölpreis die wichtigste Variable für Investoren. Die – wenn auch nur teilweise – Sperrung der Strasse von Hormus macht den Ölpreis pro Barrel zu einem Schlüsselindikator, denn ein Ölpreis, der eine bestimmte Schwelle überschreitet (im Allgemeinen auf etwa 150 US-Dollar geschätzt), verändert die Annahmen bezüglich der beiden wichtigsten Wirtschaftsvariablen radikal: das reale BIP-Wachstum und die Preisentwicklung bzw. die Inflation.
Zunächst einmal ist die Inflation zurück. Ein Energieschock dieses Ausmasses schlägt sich rasch in den Preisen nieder und lässt die nationale Teuerung wieder ansteigen. Dies bringt die Zentralbanken in eine Zwickmühle. In den USA ist die Federal Reserve, aber auch die Europäische Zentralbank in einer delikaten Situation, da eine Senkung der Leitzinsen die Inflation weiter anheizen könnte. Die Beibehaltung oder gar Anhebung der Zinsen würde hingegen die ohnehin schon geschwächte Wirtschaft weiter belasten, insbesondere in Europa.

Ein Energieschock dieses Ausmasses schlägt sich rasch in den Preisen nieder und lässt die nationale Teuerung wieder ansteigen.
Wie im Jahr 2022?
Häufig wird die aktuelle Lage mit der Situation im Jahr 2022 verglichen, als infolge des russischen Einmarsches in die Ukraine die Rohstoffpreise ebenfalls stark angestiegen waren. Es gibt jedoch erhebliche strukturelle Unterschiede. Während der Schock im Jahr 2022 durch schrittweise Sanktionen gegen Russland ausgelöst wurde, ist der aktuelle Schock viel heftiger. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass die makroökonomische Lage nicht vergleichbar ist. Während sich die Weltwirtschaft im Jahr 2022 gerade von den Auswirkungen der Pandemie erholt hatte und der Arbeitsmarkt oft angespannt war, ist die Weltwirtschaft vor dem Ausbruch des aktuellen Konflikts widerstandsfähiger. Parallel zur globalen Konjunkturlage ist auch die geldpolitische Situation eine andere. Im Jahr 2022 hatte die Weltwirtschaft gerade eine Phase mit Null-Leitzinsen hinter sich. Heute haben die Zentralbanken ihre Zinsen bereits angehoben und streben nun eine Senkung an. Hinzu kommt, dass die Inflationsrate – die 2022 in der Schweiz bei rund 3 % lag – zu Beginn des Jahres 2026 deutlich niedriger ist.
Auch wenn die aktuelle geopolitische Lage noch einige Wochen andauern dürfte, konzentrieren wir uns auf eine konkrete und messbare Kennzahl: die tägliche Anzahl der Schiffsdurchfahrten durch die Strasse von Hormus. Die mit der derzeitigen Sperrung verbundenen Risiken für das Wirtschaftswachstum, aber auch für die Inflation haben uns zum Handeln veranlasst, indem wir unser Engagement in risikobehafteten Anlagen reduziert haben. In einem derart unsicheren Umfeld wird das Management der Liquidität («Cash») und der Liquidität der Portfolios wieder zu einer strategischen Priorität. Wir sind jedoch auch bereit, zu einer konstruktiveren Positionierung zurückzukehren, sobald der Schiffsverkehr im Nahen Osten wieder aufgenommen wird.
Von Gero Jung