Westschweizer BIP 2026

Das weltwirtschaftliche Klima wird rauer: Die Geopolitik rückt wieder in den Mittelpunkt, der Protektionismus gewinnt an Fahrt und der technologische Fortschritt definiert die Spielregeln neu.

Gefährdet die geopolitische Lage unsere wirtschaftliche Sicherheit?

Das weltwirtschaftliche Klima wird rauer: Die Geopolitik rückt wieder in den Mittelpunkt, der Protektionismus gewinnt an Fahrt und der technologische Fortschritt definiert die Spielregeln neu. Vor diesem Hintergrund untersucht die neueste Studie zum Westschweizer BIP die wirtschaftliche Sicherheit der Westschweiz sowie der gesamten Schweiz. Im Fokus stehen verschiedene Faktoren wie der Zugang zu Märkten und Technologien, die Innovationsfähigkeit, die Rahmenbedingungen sowie die binnenwirtschaftliche Dynamik. Die heute von den sechs Westschweizer Kantonalbanken in Zusammenarbeit mit dem «Forum des 100» veröffentlichte Analyse zeigt: Die hiesige Wirtschaft stellt ihre Stärken unter Beweis.

26. Oktober 2026 – Die Westschweiz wie auch die Schweiz insgesamt sind kleine Wirtschaftsräume mit begrenzten Binnenmärkten und wenigen natürlichen Ressourcen. Ihren Wohlstand verdanken sie ihrer Innovationsfähigkeit in Bereichen mit hoher Wertschöpfung, einer robusten Binnennachfrage sowie ihrer wirtschaftlichen Offenheit. Diese Offenheit macht sie allerdings auch anfälliger gegenüber globalen Wirtschaftskrisen. Mit diesem Spannungsfeld haben sich bereits mehrere Ausgaben der Studie zum Westschweizer Bruttoinlandprodukt (BIP) befasst. 

Derzeit gewinnt die wirtschaftliche Sicherheit jedoch aus einem weiteren Grund an Bedeutung: Die Welt zerfällt wieder zunehmend in Blöcke, was den Freihandel beeinträchtigt. Selbst der Bund hat dieses Thema in seinen Publikationen zur Sicherheits- und Aussenwirtschaftspolitik aufgegriffen. Was «wirtschaftliche Sicherheit» genau umfasst, ist zwar nicht eindeutig definiert. Im Kern geht es jedoch um Faktoren, die für das reibungslose Funktionieren der Wirtschaft und für die Wertschöpfung unerlässlich sind.
 

Zwei Seiten derselben Medaille

Diese Faktoren der wirtschaftlichen Sicherheit hängen wiederum eng mit den Faktoren für wirtschaftlichen Erfolg zusammen. Die Schweiz konnte sich bisher auf einen robusten Binnenmarkt und gute Rahmenbedingungen verlassen. Aber auch ihre Innovationsfähigkeit und der Marktzugang sind wichtig, denn Unternehmen, die Produkte mit hohem Mehrwert herstellen, wollen diese auch exportieren können.
Wie wichtig ausländische Absatzmärkte für die hiesige Wirtschaft sind, zeigt das Verhältnis der Warenexporte zum BIP. In der Westschweiz entsprechen die Warenexporte 48 % des BIP, in der Schweiz insgesamt 45 %. Im weltweiten Durchschnitt sind es 21 %, in der Eurozone 34 %. In den Kantonen Neuenburg, Jura und Genf liegt der jeweilige Wert noch deutlich höher. Entsprechend stark hängt das Wirtschaftswachstum der Westschweiz und der Schweiz insgesamt vom Wachstum in ihren wichtigsten Exportmärkten ab – der Eurozone, China und den USA.

Der Zugang zu diesen und weiteren Märkten ist deshalb von entscheidender Bedeutung. Die politische Debatte über das Vertragspaket der Bilateralen III, das den Zugang zum Binnenmarkt der Europäischen Union sicherstellen soll, ist bereits in vollem Gange. Auch mit den USA, die derzeit abgesehen von zahlreichen Ausnahmen einen Zusatzzoll von 12,5 % auf Einfuhren aus der Schweiz erheben, werden Gespräche über ein bilaterales Handelsabkommen geführt. Die Schweiz richtet ihren Blick jedoch auch auf neue Absatzmärkte und konnte im Rahmen der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) in den vergangenen Jahren wegweisende Abkommen mit Indonesien und Indien unterzeichnen.
 

Innovationsplatz Schweiz

Selbst der beste Marktzugang nützt jedoch wenig, wenn man sich dort nicht von der Konkurrenz abheben kann. Deshalb ist es entscheidend, dass die Schweiz ihre Innovationsfähigkeit bewahrt. Im Hinblick auf die vierte industrielle Revolution, die durch rasante Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) geprägt ist, verfügt die Schweiz mit ihren führenden Innovationszentren, den Eidgenössischen Technischen Hochschulen, Universitäten und Fachhochschulen, sowie ihrer leistungsstarken Industrie über sehr gute Voraussetzungen. Im Index des Internationalen Währungsfonds (IWF), der bewertet, wie gut einzelne Länder auf den Einsatz von KI vorbereitet sind, zählt die Schweiz zu den zehn bestplatzierten Ländern. 

Erstklassige Innovationszentren tragen zudem zu guten Rahmenbedingungen bei. Zu diesen zählt nämlich nicht nur das Schweizer Fundament aus Föderalismus, politischer Stabilität und Rechtssicherheit – sondern auch eine geringe Verschuldung, eine niedrige Inflation, eine moderate Arbeitslosigkeit, ein flexibler Arbeitsmarkt, die Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte, eine wettbewerbsorientierte Grundhaltung und das Bildungswesen. Diese Rahmenbedingungen kommen wiederum dem Binnenmarkt zugute, der in einer schwierigen weltwirtschaftlichen Lage als wichtige Konjunkturstütze fungiert. Seine Bedeutung ist nicht zu unterschätzen. Branchen, die stark von der Binnenkonjunktur und wenig von der globalen Konjunktur abhängen, erwirtschaften zusammen 47 % des BIP der Westschweiz und stellen 56 % der Arbeitsplätze in der Region.

Westschweiz bleibt auf Wachstumskurs

Die Westschweiz sieht sich mit einem turbulenten weltwirtschaftlichen Umfeld konfrontiert. Die US-Zölle und die Auswirkungen des Konflikts im Nahen Osten bremsen die Konjunktur. Auch in der Westschweiz verliert die Wirtschaft leicht an Schwung. Laut Schätzungen des Instituts für Wirtschaftsanalyse und -prognose Quantitas der Fachhochschule Westschweiz HES-SO dürfte sie 2026 um 1,9 % wachsen (Vorjahr: 2,2 %). Für 2027 wird eine weitere Abschwächung auf 1,5 % erwartet. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) rechnet für die gesamte Schweiz mit einem Wachstum von 1,7 % in diesem Jahr (Vorjahr: 1,8 %). 2027 dürfte es bei 1,6 % liegen.

Die Binnennachfrage ist robust, und das verarbeitende Gewerbe zeigt sich widerstandsfähig. Der Euro blieb gegenüber dem Franken stabil, bis er im Herbst abwertete, während der Dollar seit Jahresbeginn um rund 3 % aufgewertet hat. Die Inflation bleibt niedrig: Im September lag die Jahresteuerung bei 1,0 %. Auch die Arbeitslosigkeit hält sich in Grenzen. Die Arbeitslosenquote betrug im September schweizweit 3,0 % und in der Westschweiz 4,3 %. Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet, dass sich das Wachstum der Weltwirtschaft von 3,5 % im Vorjahr auf 3,1 % in diesem Jahr abschwächt. Für das nächste Jahr wird eine leichte Belebung mit einem Wachstum von 3,4 % erwartet.

Die Ungewissheit ist allerdings gross. Zu den Risiken zählen geopolitische Spannungen, der Konflikt im Nahen Osten, die künftige Ausrichtung der US-Handelspolitik, die Inflation sowie die Verschuldung einzelner Länder. Ebenso relevant sind die Entwicklung des Frankenkurses sowie die bilateralen Beziehungen zur Europäischen Union.

Wichtige Wirtschaftskennzahl

Das BIP ist die Kennzahl, die am häufigsten zur Messung der Wirtschaftsleistung eines Landes oder einer Region herangezogen wird. Anhand dieses wichtigen Indikators ist es möglich, die Entwicklung im Zeitverlauf zu analysieren und Vergleiche zwischen den Regionen anzustellen. Mit der Publikation von BIP-Prognosen erhalten die Entscheidungsträger von Privatwirtschaft und Politik zudem ein wertvolles Instrument für die Entscheidungsfindung und Projektdurchführung.

In Zusammenarbeit mit dem «Forum des 100» der Tageszeitung Le Temps publizieren die Kantonalbanken der sechs Westschweizer Kantone seit 2008 alljährlich eine Schätzung des Westschweizer BIP anhand von Daten aus den Vorjahren (im vorliegenden Fall von 1997 bis 2025) und Prognosen für das laufende und das kommende Jahr. Die Berechnungen werden von Quantitas, dem Institut für Wirtschaftsanalyse und -prognose der Fachhochschule Westschweiz HES-SO, gemäss einer systematischen und transparenten Methode vorgenommen. Die Ergebnisse werden auch am 22. «Forum des 100» am 27. Oktober 2026 in Lausanne präsentiert.