
Die WKB und Gianadda: ein grossartiges Abenteuer
«Die Fondation Pierre Gianadda konnte ihre Identität bewahren»
Der Park strahlt eine einzigartige Atmosphäre aus. Zwischen jahrhundertealten Bäumen, Wasserflächen und Blumenbeeten erheben sich monumentale, manchmal auch eher unauffällige Kunstwerke. Doch alle stehen im Dialog mit der Natur und den Besucherinnen und Besuchern – in einer Mischung aus Emotionen, Eindrücken und Gelassenheit. Der Skulpturenpark der Fondation Pierre Gianadda in Martigny ist ein besonderer Ort, an dem sich François Gianadda gerne aufhält. Seit Mai 2024 ist er Präsident des Stiftungsrats und damit Nachfolger seines im Dezember 2023 verstorbenen Vaters Léonard. «Der Antrieb meines Engagements – in einem Alter, in dem meine Altersgenossen in den Ruhestand gehen – ist nach wie vor die Freude daran. In den letzten zwei Jahren hatte ich viele schöne Begegnungen, aus denen spannende Projekte hervorgegangen sind.»
Die Fondation Pierre Gianadda und die Walliser Kantonalbank (WKB) unterhalten schon seit langem Beziehungen. Die Bank ist eine langjährige Partnerin dieser Hochburg der Kultur, die sie seit fast drei Jahrzehnten unterstützt, und Ihr Engagement hat sich kürzlich noch verstärkt. Zu Beginn des Sommers wurde die WKB zur Hauptsponsorin der Stiftung und festigte damit ihren Platz in der Walliser Kulturszene. «Die Bank ist stolz darauf, sich mit der Stiftung zusammenschliessen und ihre ausgezeichnete Arbeit hervorheben zu können. Wir messen der Welt der Künste ganz besondere Bedeutung bei», betont Oliver Schnyder, Präsident der Generaldirektion der WKB.
Die Unterzeichnung dieser Partnerschaft markiert einen weiteren Meilenstein in der Zusammenarbeit der beiden Einrichtungen. Wir haben diese Gelegenheit genutzt, um mit François Gianadda zu sprechen und mit ihm über seine Rolle als Präsident zu sprechen sowie über die Herausforderungen, welche die Stiftung erwarten.

François Gianadda, Präsident der Fondation Pierre Gianadda, im Banne des «Denker», eines symbolträchtigen Werks von Rodin, das heute in Martigny zu sehen ist.
Was ist der Sinn dieser Zusammenarbeit mit der WKB?
Unsere Beziehungen zu dieser lokalen Bank waren stets angenehm und unkompliziert. Diese Wahl erschien uns ideal, denn es ist wichtig, gemeinsame Werte zu teilen und in die gleiche Richtung voranzuschreiten. Die WKB stellt den lokalen Bezug und ihre Verbundenheit mit der Region in den Vordergrund, was durch ihre Werbekampagnen hindurchschimmert. Was die Stiftung betrifft, so beherbergt sie – wenn man über die dargebotenen internationalen Ausstellungen hinausblickt – namentlich das gallorömische Museum von Martigny mit seinem berühmten Stierkopf, die Überreste des ältesten gallorömischen Tempels der Schweiz, die schönste Sammlung von Oldtimern aus Schweizer Fertigung – sowie die Werke mehrerer renommierter Schweizer Künstler, die im Ausstellungsraum «Chefs-d’œuvre suisses» präsentiert werden.
Wie haben Sie die Stiftung vor Ihrer Präsidentschaft gesehen? Bei ihrer Einweihung waren Sie gerade einmal 15 Jahre alt.
Am Anfang des Abenteuers, was die Stiftung schliesslich ist, stand eine Tragödie: der Tod meines Onkels Pierre bei einem Flugzeugabsturz vor genau 50 Jahren, als er seinen Kameraden zu Hilfe eilen wollte. Zwei Jahre später wurde die Stiftung bereits eingeweiht! Es bedurfte jedoch 50 Jahre sukzessiver Weiterentwicklung, bis sie ihr heutiges Gesicht hatte. Besonders gerne weise ich darauf hin, dass die Stiftung trotz all der Veränderungen, die sie in diesem halben Jahrhundert durchlaufen hat, ihre Identität bewahren konnte.
Besteht der Wunsch, eine neue Richtung einzuschlagen?
Mir erscheint es wichtig, in den Fussstapfen meines Vaters weiterzugehen. Das ist ideal, denn es gibt keine einzige von ihm realisierte Ausstellung, die ich nicht auch gerne selbst gemacht hätte. Ich möchte weiterhin Freude daran haben, jede Ausstellung selbst zu realisieren – nicht nur was den Inhalt betrifft, sondern auch im Hinblick auf die Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten dürfen. Insofern hat die Ausstellung «Rodin nach Rilke» dieses Kriterium über meine Erwartungen hinaus erfüllt
Diese Wahl erschien uns ideal, denn es ist wichtig, Werte zu teilen und in die gleiche Richtung voranzuschreiten.
Als Sie die Nachfolge Ihres Vaters antraten, haben manche Medien die Schwierigkeit dieser Aufgabe hervorgehoben. Wie haben Sie diesen Moment erlebt?
Diese Reaktion ist normal. Wie ich immer sage: Meinen Vater kann man nicht ersetzen, man kann ihm höchstens nacheifern.
Sind die Bedeutung und das Ansehen Ihres Vaters auch zwei Jahre später noch präsent?
Natürlich. Er wird die Stiftung für immer begleiten, denn sie ist sein Lebenswerk. Ich möchte auch meiner Mutter Tribut zollen: Hinter einem solchen Schaffen steht immer eine Frau, die an grossen Erfolgen mitwirkt …
Welche Aufgabe hat der Präsident der Fondation Pierre Gianadda?
Meine Aufgabe ist es in erster Linie, eine Strategie festzulegen, aber nicht nur … Heute zum Beispiel beantworte ich Ihre Fragen, habe 25 Briefe unterschrieben, zu denen ich jeweils ein persönliches Begleitwort geschrieben habe, und habe eine Gruppe von Besuchenden der Stiftung begrüsst. Ich kann mich auf ein hervorragendes Team verlassen, allen voran auf die Vizepräsidentin Anouck Darioli.
Wie gelingt es Ihnen, Jahr für Jahr so renommierte Ausstellungen anzuziehen?
Das ist kein Geheimnis: Wie bei jedem Kunstmuseum beruht dies unter anderem auf gegenseitigem Vertrauen und gegenseitiger Wertschätzung zwischen den verschiedenen Institutionen. Diese Eintracht ermöglicht im Laufe der Ausstellungen die Entstehung von Ideen und Projekten sowie von Kontakten. Das Ausrichten von zwei Ausstellungen pro Jahr bringt Entscheidungen mit sich. Eine Ausstellung setzt einen Zeitplan und Verhandlungen voraus, vor allem aber eine aufwändige Organisation, zumal im Vorfeld viel Arbeit zu tun ist und etliche Personen involviert sind.
Die Stiftung hat etwa 11 Millionen Besucherinnen und Besucher angezogen: Welche Bedeutung messen Sie dieser Zahl bei?
Ich bin immer wieder beeindruckt, dass seit der Eröffnung der Stiftung so viele Menschen durch ihre Tür gegangen sind. Kulturelle Veranstaltungen bescheren den Besucherinnen und Besuchern normalerweise wunderbare Momente und schöne Erinnerungen. Wenn es dann noch so viele sind, ist das schon enorm. Darüber freue ich mich sehr!
Wie ich immer sage: Meinen Vater kann man nicht ersetzen, man kann ihm höchstens nacheifern.
Was sind die grossen Herausforderungen der Stiftung für die kommenden Jahre? Ein neues Publikum zu gewinnen?
Es geht vielmehr darum, für das Publikum weiterhin interessant zu sein, insbesondere für junge Menschen, die die Besucherinnen und Besucher von morgen sind. Das gehört zwar zu unseren Herausforderungen, ist aber auch Aufgabe der Eltern und des Bildungswesens. Dank ihnen setzen die Jüngsten oftmals zum ersten Mal einen Fuss in ein Museum und säen damit einen kleinen Samen …
Ist sich die breite Öffentlichkeit bewusst, wie kulturell, touristisch und wirtschaftlich bedeutend die Stiftung für Martigny und das Wallis ist?
Ich weiss nicht, ob es wirklich an der breiten Öffentlichkeit ist, sich dessen bewusst zu sein. Wichtig ist, dass sie Freude am Besuch unserer Ausstellungen hat …
Wenn Sie die Öffentlichkeit von einem Besuch der aktuellen Ausstellung «Rodin nach Rilke» überzeugen müssten, was würden Sie ihr sagen?
Stellen Sie sich vor, «Der Denker» aus Gips, Rodins symbolträchtiges Werk und zudem ein absolutes Meisterwerk, kann hier in Martigny bestaunt werden! Wichtig ist auch, darauf hinzuweisen, dass wir dieses Jahr den hundertsten Todestag von Rilke feiern, welcher die letzten Jahre seines Lebens im Wallis, genauer gesagt in Siders, verbrachte und in Raron begraben ist. Diese Ausstellung ermöglicht zum ersten Mal eine Zusammenführung dieser beiden wegweisenden Figuren. Der Katalog der Ausstellung wird übrigens ein Referenzwerk werden.
Es geht vielmehr darum, für das Publikum weiterhin interessant zu sein, insbesondere für junge Menschen, die die Besucherinnen und Besucher von morgen sind.
Können Sie schon etwas über die nächste Ausstellung verraten?
Die Stiftung präsentiert diesen Winter eine Ausstellung mit dem Titel «Die Zweite Schule von Paris: eine Schweizer Sammlung», in welcher Werke gezeigt werden, die der Öffentlichkeit normalerweise verborgen bleiben. «Die Zweite Schule von Paris» umfasst eine nicht fest organisierte Gruppe unabhängiger Künstler, die von den 1940er- bis in die 1960er-Jahre in der französischen Hauptstadt tätig waren. Sie zeugt von der Dynamik der französischen Kunstszene in der Nachkriegszeit … Wir sehen uns dann am kommenden 5. Dezember!
Von Bertrand Crittin 




