28 September 2026
Anlagen

Market Weekly - Anleihen sind nicht verschwunden

Pierre-Yves Piccand Von Pierre-Yves Piccand
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Anleihen verlieren ihre alte Rolle

Die klassische Portfoliologik war seit Anfangs Jahrhundert einfach: Aktien liefern Wachstum, Anleihen sorgen für Stabilität. Fielen die Aktienmärkte, konnten Staatsanleihen häufig zulegen, weil Investoren Sicherheit suchten und Zentralbanken die Zinsen senkten. Genau diese negative Korrelation machte das traditionelle 60/40-Portfolio über viele Jahre so attraktiv.

In den vergangenen Jahren hat dieses Muster jedoch Risse bekommen. Seit dem Inflationsschock nach der Pandemie bewegen sich Aktien und Anleihen häufiger in die gleiche Richtung. Wenn Inflation, hohe Staatsdefizite oder Zweifel an der Geldpolitik im Vordergrund stehen, steigen die Renditen. Das bedeutet fallende Anleihekurse und gleichzeitig Druck auf Aktienbewertungen, weil künftige Gewinne stärker abgezinst werden.
 

Das Instrument bleibt dasselbe, sein Umfeld jedoch nicht

Der jüngste Ausverkauf an den globalen Anleihemärkten zeigt dieses Problem deutlich. In den USA stiegen die Renditen auf mehrjährige Höchststände, nachdem Sorgen über Inflation, höhere Ölpreise und die Finanzierung des Staatshaushalts erneut zunahmen. Gleichzeitig gaben auch Aktien nach. Für Anleger ist das unangenehm: Der Teil des Portfolios, der früher Verluste abfedern sollte, kann in solchen Phasen selbst zur Belastung werden.

Anleihen sind nicht verschwunden. Aber ihre Funktion im Portfolio muss wieder genauer verstanden werden.

Leiter Trading Desk, Sitten, WKB

Das heisst nicht, dass Anleihen wertlos geworden sind. Nach dem starken Renditeanstieg sind die laufenden Erträge heute deutlich attraktiver als noch vor wenigen Jahren. Auch bei einer Rezession oder einem klaren Rückgang der Inflation könnten Staatsanleihen erneut stabilisierend wirken. Die entscheidende Veränderung liegt deshalb nicht im Instrument selbst, sondern im Umfeld.
 

Diversifikation bleibt wichtig 

Für gemischte Portfolios bedeutet das: Diversifikation bleibt wichtig, aber sie ist weniger automatisch. Es reicht nicht mehr, Aktien einfach mit lang laufenden Staatsanleihen zu kombinieren und davon auszugehen, dass beide Seiten sich immer ausgleichen. Duration, Inflation, Währungen, Kreditqualität und Liquidität werden wieder wichtiger. Je nach Umfeld können auch kürzere Laufzeiten, Geldmarktanlagen oder inflationsgeschützte Instrumente eine grössere Rolle spielen.

Für die Schweiz bleibt diese Entwicklung relevant. Der Franken und solide Staatsfinanzen sind wichtige Stabilitätsanker. Trotzdem können steigende globale Renditen auch Schweizer Anleger treffen, etwa über internationale Anleihefonds, Aktienbewertungen oder Währungseffekte. Die wichtigste Erkenntnis lautet daher: Anleihen sind nicht verschwunden. Aber ihre Funktion im Portfolio muss wieder genauer verstanden werden.