
Market Weekly - Beflügelt die KI die Finanzmärkte - bis zum Exzess?
KI: Produktivitätsschub oder neues Finanzmarktrisiko?
Künstliche Intelligenz bleibt einer der wichtigsten Treiber an den Finanzmärkten. Die grossen Technologieunternehmen investieren massiv in Rechenzentren, Chips und Infrastruktur. Laut Schätzungen sollen die fünf grössten Hyperscaler, also Technologieunternehmen mit globalen Cloud-Kapazitäten und Infrastrukturen für Rechenzentren, von 2025 bis Ende 2026 mehr als eine Billion Dollar investieren. Gleichzeitig rechnen Analysten für die Unternehmen im S&P 500 im kommenden Jahr mit rund 25 % mehr Gewinn, gestützt durch eine robuste US-Wirtschaft und den KI-Boom.
Vorsicht vor Übertreibungen
Auf den ersten Blick spricht vieles für diese Entwicklung. KI kann Prozesse beschleunigen, Kosten senken und langfristig die Produktivität erhöhen. Es geht nicht nur um neue Software, sondern um eine Technologie, die Geschäftsmodelle und Investitionspläne verändert. Sollte sich dieser Produktivitätsschub materialisieren, könnte er das Wachstum über Jahre stützen.
Entscheidend ist jedoch, dass die Finanzmärkte bereits heute sehr viel Zukunft einpreisen. Steigende Aktienkurse, hohe Gewinnschätzungen und Fremdfinanzierung zeigen, dass viel Kapital in den KI-Sektor fliesst. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich warnt deshalb vor einer möglichen Übertreibung: Nicht weil KI unwichtig wäre, sondern weil die Renditen geringer ausfallen könnten als erwartet.

Das Risiko liegt weniger in der Technologie selbst als in der Geschwindigkeit, mit der Erwartungen und Bewertungen steigen.
Es gab bereits ähnliche Fälle
Die historische Erfahrung mahnt zur Vorsicht. Auch frühere Innovationswellen wie z.B. die Eisenbahn oder Internet waren echte technologische Durchbrüche. Dennoch führten sie zu Investitionsbooms, die mehr Kapital anzogen, als kommerziell gerechtfertigt war. Das Risiko liegt weniger in der Technologie selbst als in der Geschwindigkeit, mit der Erwartungen und Bewertungen steigen.
Für die Schweiz ergibt sich ein differenziertes Bild. Als kleine offene Volkswirtschaft profitiert sie indirekt von globaler Produktivität und starken Finanzmärkten. Gleichzeitig wären eine Korrektur im Technologiesektor oder enttäuschte Gewinnerwartungen auch für Schweizer Anleger und exportorientierte Unternehmen spürbar. Insgesamt zeigt sich: KI bleibt ein langfristiger Wachstumstreiber, doch kurzfristig ist sie auch ein Test dafür, wie viel Optimismus die Märkte bereits vorweggenommen haben.
Von Samuel Studer