
Market Weekly - Das Paradoxon des Goldes
Die Entwicklung des Goldpreises überrascht
Seit Beginn des Konflikts mit dem Iran Ende Februar kann die Entwicklung des Goldpreises überraschen. Da Gold traditionell als sicherer Hafen gilt, hätte es eigentlich von den zunehmenden Spannungen profitieren können. Doch nach einem anfänglichen kurzen Aufschwung kam es zu einer deutlichen Korrektur, und die Goldpreise sind seit ihren Höchstständen zu Jahresbeginn um etwa 15 bis 20 % zurückgegangen. Diese Entwicklung mag kontraintuitiv erscheinen, lässt sich jedoch durch eine makroökonomische Dynamik erklären, die sich von anderen Krisenzeiten unterscheidet.
Inflationsängste
Erstens schürt der Anstieg der Energiepreise die Inflationsängste. Vor diesem Hintergrund rechnen die Märkte mit einer restriktiveren Geldpolitik der Zentralbanken, mit weniger Zinssenkungen oder sogar einer längeren Beibehaltung hoher Zinsen. Gold generiert jedoch keine Rendite: Wenn die Realzinsen steigen, erhöhen dich Opportunitätskosten Goldbestände zu halten, was seine Bewertung belastet.
Zweitens hat der US-Dollar stark an Wert gewonnen. In volatilen Zeiten bevorzugen Anleger Liquidität und wenden sich dem Greenback zu, was den Abwärtsdruck auf das in Dollar notierte Gold verstärkt.
Drittens lässt sich ein Teil der Entwicklung durch Gewinnmitnahmen erklären. Nach einem Jahr 2025, das von einem starken Anstieg geprägt war, nutzten Anleger Gold als Liquiditätsquelle, um Verluste in anderen Anlageklassen auszugleichen.

Längerfristig könnte ein anhaltender, inflationärer Konflikt den Edelmetallen jedoch wieder strukturelle Unterstützung verleihen.
Ein zyklischeres Verhalten
Schließlich scheinen die Markterwartungen davon auszugehen, dass das geopolitische Risiko bereits weitgehend in den Preisen eingepreist ist. In diesem Zusammenhang reagiert Gold nicht mehr nur auf Unsicherheit, sondern zunehmend auf dessen Wechselwirkung mit Zinsen, Währungen und Liquiditätsbedingungen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Gold seinen Status als sicherer Hafen nicht verliert, sein Verhalten jedoch zyklischer und stärker vom makroökonomischen Umfeld abhängig wird. Kurzfristig dominieren die Realzinsen und der Dollar. Längerfristig könnte ein anhaltender, inflationärer Konflikt den Edelmetallen jedoch wieder strukturelle Unterstützung verleihen.
Von Didier Teysseire