
Market Weekly - Energiepolitische Herausforderungen rund um die Straße von Hormus
Sperrung der Strasse von Hormus: Wer ist am stärksten betroffen?
Die Strasse von Hormus ist die Lebensader für die Ölexporte aus der Golfregion. Nahezu das gesamte Öl aus Kuwait, Katar, Bahrain und dem Irak wird über diese Meerenge transportiert, gegenüber 90 % aus dem Iran, 60 % aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und 50 % aus Saudi-Arabien. Nur Oman verfügt über eine echte alternative Umgehungsroute, was dem Land eine einzigartige strategische Position in der Region verschafft.
Über 80 % dieser Exporte sind für Asien bestimmt, wobei China der weltweit größte Importeur ist. Peking bleibt dennoch relativ geschützt: Es verfügt über strategische Reserven für etwa ein Jahr, und die über den Golf von Hormuz fließenden Mengen machen in Wirklichkeit weniger als 5 % seines gesamten Energieverbrauchs aus. Der Besitz solcher strategischer Vorräte ist für eine Regierung angesichts geopolitischer Schocks ein echter Faktor der Antifragilität. Indien, das ebenfalls gefährdet ist, profitiert seinerseits von einer russischen Alternative, die durch die jüngste Lockerung der US-Sanktionen zugänglich geworden ist.
Europa ist anfällig
Europa erscheint strukturell anfälliger. Als Nettoenergieimporteur – im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten, die heute Nettoexporteure sind – ist Europa stark von katarischem Flüssigerdgas sowie von saudischem und irakischem Öl abhängig, das durch die Meerenge transportiert wird. Dieses Risiko wird derzeit durch besonders niedrige Gasvorräte zum Ende der Wintersaison noch verstärkt, was im Falle eines plötzlichen Versorgungsschocks wenig Handlungsspielraum lässt.

Eine längere Sperrung der Straße von Hormus würde einen globalen Angebotsschock auslösen.
Paradoxerweise würde der Iran selbst von einer solchen Sperrung schwer getroffen werden. Etwa 50 % seiner Ölproduktion werden über die Straße von Hormus exportiert, insbesondere nach China, während der Rest den eigenen Inlandsverbrauch deckt. Eine Sperrung der Meerenge würde Teheran somit einer Finanzquelle berauben, die für das Gleichgewicht seiner Wirtschaft absolut unerlässlich ist.
Eine längere Sperrung der Straße von Hormus würde einen globalen Angebotsschock auslösen, aus dem niemand als Gewinner hervorgehen würde – weder die asiatischen und europäischen Importeure noch die Exporteure aus der Golfregion, noch der Iran selbst.
Von Michel Bortis