
Market Weekly - Warum hob die Europäische Zentralbank ihre Zinsen an?
Was, wenn das eigentliche Risiko das Wachstum wäre und nicht die Inflation?
Die Eurozone ist die erste große Volkswirtschaft, die unter den Folgen der Krise im Nahen Osten leidet. Doch im Gegensatz zu 2022, als die verarbeitende Industrie am stärksten betroffen war, verschlechtert sich diesmal die Lage im Dienstleistungssektor am deutlichsten, während die Aussichten für die Industrie stabil bleiben oder sogar etwas günstiger sind als vor der Krise. Diese Diskrepanz lässt sich zum einen durch die Kaufkraft der Haushalte erklären, die durch den Ölpreisanstieg direkt geschmälert wurde, was die frei verfügbaren Ausgaben (wie z.B. für Reisen, Freizeit) belastet; zum anderen durch bestimmte Industriezweige, die vorübergehend von Vorsorgelieferungen profitierten, die in Erwartung von Engpässen getätigt wurden.
Schwache Wirtschaftstätigkeit
Dieser Unterschied zu 2022 beschränkt sich nicht nur auf die sektorale Verteilung des Schocks. Das wirtschaftliche Ausgangsszenario verändert alles. Im Jahr 2022 war die europäische Wirtschaft dynamisch, getragen vom Aufholprozess nach der Pandemie und bereits bestehenden Inflationsdruck – ein wahrer „perfekter Sturm“, der eine rasche Übertragung der Inflation auf die gesamte Wirtschaft ermöglicht hatte. Im Jahr 2026 ist die Wirtschaftstätigkeit schwach und der Inflationsdruck bleibt weitgehend gedämpft, was das Risiko einer allgemeinen Ausbreitung stark verringert. Der Arbeitsmarkt liefert ein weiteres Beispiel für diese Divergenz: Die strukturellen Indikatoren für Spannungen haben sich dort weitgehend abgebaut, während sie 2022 noch unter starkem Druck standen.

Das Risiko einer deutlichen Konjunkturabkühlung und eines Wiederanstiegs der Arbeitslosigkeit scheint daher größer zu sein als das eines anhaltenden Inflationszyklus.
Vor diesem Hintergrund hat die EZB im Juni dennoch ihre Zinssätze um 25 Basispunkte angehoben. Diese Entscheidung ist eher im Sinne einer Neukalibrierung der Geldpolitik zu verstehen als eine echte Wende hin zu einer restriktiven Politik, da die Institution selbst von einem anhaltenden, aber nur mäßig starken Schock spricht.
Das Beispiel Frankreichs
Dennoch scheint das Wachstum in Europa derzeit stärker gefährdet zu sein als die Inflation selbst. Der Höhepunkt der Ölkrise liegt wahrscheinlich bereits hinter uns, und diese kommt zu einer ohnehin schon fragilen Ausgangslage hinzu – vor dem Hintergrund, dass Europa mit weiteren Gegenwinden zu kämpfen hat: dem Wettbewerb aus China und den US-Zöllen. Das Risiko einer deutlichen Konjunkturabkühlung und eines Wiederanstiegs der Arbeitslosigkeit scheint daher größer zu sein als das eines anhaltenden Inflationszyklus.
Frankreich veranschaulicht diese Anfälligkeit besonders gut: Die französische Wirtschaft schrumpft bereits, wobei eine technische Rezession nicht auszuschließen ist, und das Wachstum der letzten Jahre beruht fast ausschließlich auf Exporten und der öffentlichen Nachfrage, während die private Binnennachfrage seit 2024 stagniert.
Eine grundlegende Frage bleibt jedoch offen: War diese Zinserhöhung in einem Umfeld, in dem der aktuelle Schock nicht mit dem von 2022 vergleichbar ist, in dem das Wachstum in Europa bereits fragil ist und in dem die Staatsverschuldung der Mitgliedstaaten wenig haushaltspolitischen Spielraum lässt, wirklich gerechtfertigt, oder hat die EZB angesichts eines Inflationsrisikos, das sich dieses Mal als zweitrangig erweisen könnte, aus übertriebener Vorsicht gehandelt?
Von Marc Farquet